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Falsches Lob zur falschen Zeit ...

"Mensch, was hast duuu aber TOLL abgenommen, RESPEKT!"

Na, auch schon mal über solche Sprüche gefreut? Ja klar, klingt ja auch viel besser, als: "Boah, was bist du aber fett geworden, wann hast du eigentlich das letzte Mal in den Spiegel geschaut?"

Trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass gerade solche Sätze nicht unerheblich dazu beitragen, den so Angesprochenen zu weiteren Höchstleistungen" anzuspornen. (Ganz besonders, wenn es sonst nix anderes gibt, wofür er mal Anerkennung ausgesprochen bekommt ...).

Unsere Gesellschaft geht mit dem Körperkult bzw. -frust irgendwie seltsam um, fast schon schizoid, wie ich finde ... Nimmt ein kräftiger Mensch ab, dann ist das ne Waaaaaahnsinnsleistung und man spornt ihn an, unterstützt ihn (wenn man nicht grade neidisch auf dessen Erfolge ist und sie ihm madig machen möchte) und klopft ihm ständig auf die immer schmäler werdenden Schultern.

Das findet diese Person natürlich klasse, fühlt sich in dem was sie tut bestätigt UND (ganz wichtig) hat das befriedigende Gefühl, etwas "richtig" zu machen, etwas geleistet zu haben, wofür man ihm Bewunderung entgegenbringt.

Stellen wir uns mal vor, es handelt sich hier um ein noch recht junges Mädel ... Wie abwegig ist es wohl, dass dieses Mädchen irgendwann auf den Trichter kommt, sein persönlicher Wert steige proportional zur sinkenden Körpermasse? Und wer kann genau sagen, wann der Point of no return erreicht und es an der Zeit ist, das Mädel aus dieses Maschinerie wieder rauszuholen? Das weiß doch kein Mensch, bzw. sagt man da doch erst zu einem verhältnismäßig späten Zeitpunkt etwas, oder?

Wie viele Frauen haben denn immer noch diesen dämlichen Spruch im Kopf, eine Frau könne niemals schön und schlank genug sein? Warum also den Nachwuchs schon frühzeitig aufhalten und evtl. riskieren, dass die soeben verlorenen Pfunde in Kürze wieder in voller Pracht des Töchterleins Körper zieren?

Nööööö, da wartet man erst mal noch ein Weilchen, irgendwann erkennt man es dann (vielleicht) und fragt mal gaaaanz vorsichtig nach, ob es denn nicht langsam mal gut sei und das arme Kind ja nur noch aus Haut und Knochen bestünde ... Das "arme Kind" versteht aber spätestens dann die Welt nicht mehr, hat es doch einfach nur das getan, wofür es lange genug gelobt und was ganz deutlich als wünschenswerte Entwicklung betitelt wurde. Und plötzlich ist das auch wieder falsch? Hä? Ja wie jetzt???

Also auch wieder nicht in Ordnung, isst man, isses verkehrt, isst man nicht, isses auch verkehrt ... Na toll!

Eigentlich will ich damit nur sagen, dass es so endlos viele Wege in die Essstörung hinein wie Sterne am Himmel gibt und man oftmals sehr unbedacht mit seinen Worten umgeht.

Nicht falsch verstehen, natürlich ist es angebracht, einen dicken Menschen in seinen Abnahmeplänen zu unterstützen und natürlich soll er auch merken, dass er für seine Erfolge Achtung entgegengebracht bekommt - ABER es ist einfach heutzutage sehr verbreitet, dass die Menschen eher sagen, was ihnen NICHT gefällt, als das, WAS ihnen gefällt und so ist es sicher keine Seltenheit, dass jemand kaum etwas Positives über sich selbst von anderen zu hören bekommt - und dann kommt plötzlich der Abnahmeerfolg daher und man kriegt seine "Streicheleinheiten" ...

Sollte es sich um einen Menschen mit dem nicht gerade allergrößten Selbstbewusstsein handeln (auch die sind seeeeehr verbreitet, was in unserer Welt ja auch alles andere als verwunderlich ist), dann ist die Gefahr einfach unglaublich groß, dass er sich selbst auf seinen Körper reduziert und sich irgendwann nicht mehr als "in" seinem Körper lebend betrachtet, sondern eben als Körper selbst.

Ich bin auch Mama und ich weiß, dass ich meinen Kindern bisher ganz sicher nicht das vorgelebt habe, was ich ihnen hätte vorleben müssen, dass auch ich bei meiner Großen schon öfter mal darauf hingewiesen habe, dass ihr Bauch ganz schön gewachsen ist und sie aufpassen muss, wenn sie später mal nicht wie Person xy enden will...

Dafür könnte ich mich echt ohrfeigen, grade ich sage so einen BESCHISSENEN MIST zu ihr, als müste ich nicht wissen, wie das enden kann - echt übelst! Schlimm ist es vielleicht, wenn man aus Unwissenheit einen Fehler macht - tausend Mal schlimmer ist es allerdings, wenn man ihn wissentlich begeht und ich hoffe echt, dass mein Richtungswechsel noch nicht zu spät kam.

Ich bin einfach an einem Punkt angekommen, an dem ich erkannt habe (oder zumindest glaube, erkannt zu haben) durch welche Hintertürchen die Essstörung, ganz gleich welche, sich ins Leben eines Menschen schleichen kann und ohne meiner Mutter jetzt "ans Bein pinkeln" zu wollen, ich bin überzeugt davon, dass ein grooooooßer Teil aller Probleme aus diesem Bereich im häuslichen Rahmen entstehen. Vielleicht nicht absichtlich, ganz bestimmt nicht sogar, aber trotzdem ...

Bei manchen Dinge ist es völlig gleich, WIE sie passieren - wenn sie geschehen sind, sind sie geschehen, fertig ...

Meine Mutter hat nie von meiner ES erfahren, der Kontakt zu ihr ist schon vor Jahren komplett abgebrochen und war auch vorher nie von Zuneigung geprägt, aber trotz allem kann ich mir nicht vorstellen, dass sie damals auch nur die geringste Ahnung davon hatte, was sie mit ihrem Diätenwahn bei mir ausgelöst hat. ICH WIEDERHOLE MICH UNGERN, tu´s aber trotzdem: Ich will ihr NICHT die Schuld in die Schuhe schieben, sie hat wahrscheinlich sogar gedacht, etwas Gutes zu tun, wenn sie mich zum Abnehmen animiert, dass sie mir ein "dickes" Leben ersparen wollte oder so - aber für mein eigenes Leben kann ich definitiv sagen, dass ich das Essen, bzw. Nicht-Essen immer als Mittel zum Zweck missbraucht habe. Ich glaubte, ich würde geliebt, wenn ich hübsch anzuschauen wäre.

Es darf nicht sein, dass ein Kind glaubt, es würde nur dann anerkannt, wenn es dem gängigen Schönheitsideal entspricht - das bekommen sie sowieso überall präsentiert, auch noch zuhause vermittelt zu bekommen, dass irgendetwas an ihm "nicht so ganz in Ordnung" ist (und sei es auch nur durch kleine Randbemerkungen, die von den Antennen des Kindes 100%ig aufgenommen und entsprechend verarbeitet werden, vielleicht sogar unbewusst) das ist echt so sinnvoll und nötig wie vier Generationen Läuse auf dem Kopf.

Die einzige Möglichkeit, sein Kind vor solch einem Leben zu schützen, ist meiner Meinung nach die, ihm glaubhaft zu versichern, dass es so wie es ist okay ist, ohne wenn und aber.

Und ehrlich gesagt - schätzungsweise 95% der übergewichtigen Kinder haben Eltern, die selbst zu kräftig sind (Haue nehme ich für diese Aussage gern entgegen ... ändert nichts am Wahrheitsgehalt) - die richtige Einstellung zum Essen kann am besten rübergebracht werden, wenn sie GELEBT wird, gemeinsam am Esstisch - und nicht im Vorübergehen, zwischen Tür und Angel oder noch besser vorm Fernsehapparat ...

Um mal ein Beispiel aus einem anderen Bereich zu wählen:

Wie überzeugend klingt eine Mutter, die mit glühender Zigarette in der Hand ihrem Nachwuchs klar machen will, dass das Rauchen schädlich ist?

Wie "friedfertig" wird ein Kind wohl mit Konfliktsituationen umgehen, wenn es von zuhause weiß, dass man sowas mit Fäusten klärt?

Ich merke gerade, dass ich jetzt nen RIIIIIEEESEEENBogen schlage, aber das ist letztlich das selbe Paradox, das mich an der Todesstrafe so unheimlich stört:

Da werden Menschen umgebracht, um anderen Menschen zu zeigen, dass es falsch ist, Menschen umzubringen ... Was soll einem da noch zu einfallen?

In Momenten wie JETZT GERADE bin ich überzeugt, käme irgendein Alien auf der Suche nach intelligentem Leben zu uns auf die Erde, er würde schnellstmöglichst wieder das Weite suchen, weil seine Suche erfolgloser nicht hätte enden können, als hier bei uns ...
7.11.06 21:11
 


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