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- Teil 2 -

Die Toilette, die Narben & der Tod

Tja ... ich war 12, als ich "es" zum ersten Mal getan habe. Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen. Kurz zuvor waren wir in ein eigenes Haus umgezogen und Mutters ganzer Stolz war das Badezimmer im Erdgeschoss. Oben in der ersten Etage gab es zwar auch ein kleines WC, aber ich hatte mich für das große Bad entschieden.

Immer wenn Besuch gekommen war, hatte meine Mutter die Leute quer durchs Haus geführt und erzählt, was hier für besonderes Material verwendet worden war, was dort an Arbeit hatte investiert werden müssen und all solche Sachen. Ich fand diese Führungen immer total bekloppt, so richtig wie in dieser Werbung ... mein Haus, mein Auto, meine Yacht ... prollig einfach und irgendwie peinlich.

Ich jedenfalls hasste das Bad. Die Keramik war eine Mischung aus eierschalenfarben und beige, die Armaturen waren für mich als Kind aus "gold" ... Na ja, so sahen sie jedenfalls aus und das fand ich schrecklich. Zur Toilette und Badewanne kam man, indem man eine geflieste Stufe hochging, in so nem Halbbogen, fast als ginge man in der Kirche hoch zum Altar ... Mag sein, dass ich genau aus diesem Grund das untere Badezimmer für mein "erstes Mal" ausgewählt hatte, ich glaube, ich wollte meiner Ablehnung Ausdruck verleihen und die Toilette war wohl so etwas wie ein Symbol, ich kotzte praktisch meiner Mutter ins Gesicht, wenn man so will. Klingt total bescheuert, ich weiß, aber so empfand ich es, nach dem Motto: "So, das hast du jetzt davon!" Als Kind konnte ich noch nicht begreifen, dass alles einen Sinn hat und auf seine Weise richtig ist.

Na ja, es war schwerer, als ich gedacht hatte und es dauerte auch eine Weile, bis ich erfolgreich war - hinterher aber empfand ich zweierlei: "Geil, ich hab`s geschafft!" und gleichzeitig "Mein Gott was bist du doch ekelhaft!". Ich beschloss, dass ich mein Tun perfektionieren müsste und fing an zu "üben".

Im Laufe der nächsten Tage kam mir der Gedanke, dass ich eigentlich behaupten könnte, ich müsste mich ständig übergeben  und so vielleicht etwas "bemitleidet" würde und alle Welt mich für krank hielte. Also hab ich meiner Mutter gesagt, dass mir immer schlecht sei und hab sie nach meinen doch noch recht kläglichen Versuchen, das Essen wieder rauszubefördern, an die Toilette geführt, wie Moses die Juden durchs heilige Land. Ich war insgeheim richtig stolz, wenn  etwas in der Toilette schwamm, wenn es auch nicht wirklich viel war, das mit dem vielen Trinken hatte ich die ersten Tage noch nicht kapiert und würgte mir unter Aufbietung all meiner Kräfte ein wenig raus, aber lange nicht alles.

Jedenfalls stand ich also einmal mit meiner Mutter vor der Toilette (diesmal oben, da war auch mein Zimmer) und sie schaute hinein, meinte, das sei doch kaum was und halb so wild.

Mein Ehrgeiz war noch mehr geweckt und recht schnell wurde ich "besser und besser". Dann ging sie doch tatsächlich mit mir zum Arzt, ich hatte es also geschafft und ihre Aufmerksamkeit auf mich gelenkt. Ergebnis war, dass ich in ein Krankenhaus eingewiesen wurde, in dem ich ein paar wenige Tage beobachtet wurde und bis heute noch nicht weiß, wozu ich dort war - denn es geschah gar nix. Ich bekam mein Essen, ich aß meinen Teller leer, übergab mich (oder auch nicht) und sagte immer, dass es mir bestens ginge. Dann musste ich mich aber mal vor so einem Arzt ausziehen (bis auf die Unterhose) und mich rundherum begutachten lassen, wei bei der Fleischbeschau kurz vor der Schlachtung. Mutter war dabei und ich hätte auf der Stelle sterben können, so sehr schämte ich mich.

Der Arzt meinte, es sei normal, dass Mädchen nicht mit ihrem Körper zufrieden seien und er kenne auch keine Frau, die wirklich gut fände, was sie im Spiegel sähe. Da sagt meine (leicht übergewichtige) Mutter: "Doch, ich!" Er schaut sie erstaunt an, ich denk "die nun wieder" und der Arzt sagt dann nur, dass sie dann halt eine Ausnahme sei. Wie auch immer, sollte ich weiter meine Probleme haben, dann solle ich halt wiederkommen, derzeit bestünde aber kein Grund für eine weitere stationäre Behandlung. Also gings heim und ich hatte das Gefühl, versagt zu haben. Man hatte mich aus dem Krankenhaus rausgeschmissen, dabei stimmte doch was nicht mir mir, oder hatte ich jetzt die Bescheinigung, dass alles bestens war und ich einfach zu doof, das zu erkennen?

Egal, zumindest hatte ich spätestens zu diesem Zeitpunkt beschlossen, dass es bis in alle Ewigkeit mein Geheimnis sein würde, dass ich allein die Macht hätte, "es" tun und lassen könnte, wann immer ich wollte und somit zum Bestimmer über mein Leben geworden war. Ich fühlte mich tatsächlich richtig "stark", hatte ich doch was gefunden, was mir keiner wegnehmen oder verbieten konnte, ich hatte sie alle ausgetrickst, ätsch! Dass ich aber auf dem besten Weg war, die Kontrolle über meine komplette Existenz zu verlieren und mich in eine noch viel schlimmere Abhängigkeit begab, eine, die mir noch weniger Luft zum Atmen lassen würde, als es zuvor meine Mutter getan hatte, das ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, ich war der Chef und fertig.

Ich glaube, ich hätte zu dieser Zeit den Absprung noch locker geschafft, wenn irgendwer erkannt hätte, was ich da begonnen hatte und mich in andere Bahnen gelenkt hätte. Aber das passierte nicht und im Laufe der Zeit fräßte sich die Bulimie eine immer tiefer werdende Furche in mein Leben, ganz heimlich steckte sie ihre Samenkörner in den Boden meiner Seele, deckte etwas Erde drüber und wartete ab ...

Wie das nun mal so ist, in der Natur ... Was regelmäßig gegossen wird, beginnt zu wachsen, auch wenn man das Gießen ab und an mal unterlässt - es dauert, bis etwas wirklich zu 100% verdörrt ist, ein kleines Fünkchen Leben reicht oft, um wieder ganz etwas Großes entstehen zu lassen. So war es auch mit meiner Bulimie.

Es gab Zeiten, da kotzte ich ein paar Wochen am Stück gar nicht, meistens jedoch übergab ich mich regelmäßig, teilweise bis zu 15 Mal am Tag und kaum hatte ich alles draußen, aß ich auch schon wieder, die Leere wollte mit irgendetwas gefüllt werden und ich geriet immer tiefer in diesen Teufelskreis. Entweder ich aß, hungerte, erbrach, oder dachte über eines davon nach. Es gab kein anderes Thema mehr, alles drehte sich ums Essen. Es war der erste Gedanke am Morgen und der letzte vor dem Einschlafen. Zwei Jahrzehnte lang ...

Man kann sagen, je mehr ich aß, oder je häufiger ich erbrach umso stärker nagte die Bulimie an meinem Fleisch und begann mich aufzufressen. Als ich irgendwann bemerkte, dass doch nicht ich der Chef war, sondern sie, war es schon zu spät und ich kam nicht mehr gegen sie an. Ich hasste mich dafür, dass ich so schwach war, mich so ekelhaft verhielt und vom "normalen" Benehmen eines Menschen soweit abgekommen war.

Ich fühlte mich nicht mehr als eigenständiges Wesen, sondern von außen gesteuert also suchte ich nach etwas, womit ich wieder spüren konnte, dass ich selbst es war, die etwas "vollbrachte" - und begann mich selbst zu verletzen. Heute, 15 Jahre später, sehe ich die Narben an meinen Armen nur noch, weil ich genau weiß, wo sie sind, sie sind ziemlich verblasst und ohne über deren Existenz informiert zu sein, fallen sie keinem auf. Damals hätte jeder sie bemerkt, aber gezeigt habe ich sie natürlich niemandem. Sie waren MIR, mein optischer Beweis dafür, dass ich immer noch Herr über meinen Körper war und wenn ich das Blut sah oder den Schmerz fühlte, dann wusste ich, dass ich doch noch zu Empfindungen fähig war.

Heute im Nachhinein erkenne ich langsam, dass ich wohl wirklich "krank" war, ich empfand es früher aber nie so und hätte nicht in Erwägung gezogen, mir Hilfe zu suchen, weil ich ja "selbst schuld" war und man Hilfe verdient hat, wenn einem ohne eigenes Zutun irgendetwas geschieht. Ich hatte kein Recht über irgendetwas zu klagen, ich tat ja alles selbst und brauchte es nur zu lassen ...

Selbst in diesem Stadium (oder ganz besonders in diesem) fühlte ich mit stark, selbstbestimmend, denn schließlich war ICH es, die sichtbare Spuren an meinem Körper anbrachte, ICH konnte mit ihm tun und lassen was ich wollte und er gehorchte.

Aber auch das Blut und die Schmerzen reichten irgendwann nicht mehr, um dieses "Nichts" mit Leben zu erfüllen. Das Leben war für andere da, nicht für mich, das wurde mir langsam klar, erst dann würde wieder Frieden einkehren und alles so laufen, wie es richtig war. Im Februar `92 setzte ich meine Überlegungen in die Tat um ... Genaueren Angaben möchte ich hierzu nicht machen, jedoch glaube ich heute, dass meine Existenz einen bestimmten Sinn hat, anders kann ich mir nicht erklären, noch am Leben zu sein.

Vielleicht schreibe ich darüber beim nächsten Posting ... mal sehen, jedenfalls bin ich seit dieser Zeit überzeugt davon, dass es etwas gibt, was über uns alle wacht, damit meine ich nicht Gott oder so, ich weiß nicht mal genau, was es sein könnte - aber irgendetwas kann helfend eingreifen, wenn wir selbst nicht in der Lage dazu sind oder uns viel zu weit von unserem Weg fortbewegt haben.

Ob sich das in einem warnenden Bauchgefühl äußert oder in diversen Ereignissen, die unsere (Fehl-)Planung über den Haufen werfen ... es kann alles mögliche sein, woher genau es stammt, weiß ich nicht, aber es ist für mich persönlich eine so einschneidende Erfahrung gewesen, dass ich seitdem an ein Leben nach dem Tod glaube (im Sinne von Reinkarnation) und eben an meinen "geistigen Beschützer". Das mag für viele Menschen absoluter Unfug sein, mir persönlich hat diese Überzeugung das Leben gerettet ...

Aber ich denke, für den Moment habe ich genug geschrieben, vermutlich mehr als genug sogar ...

To be continued

8.11.06 09:23
 


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